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Von Larven, Schnalzern und Vorteufel

Nicht, dass Verletzungen oder Gewalt zu diesem jahrhundertealten Brauch dazugehören, aber der Einsatz und Ernst beim Leben dieser Tradition haben ihre Tücken. 1998 floss Blut, als die Figuren Wilderer und Jäger bei einer gespielten Auseinandersetzung aufeinandertrafen. Der Gewehrkolben des Wilderers traf versehentlich den Jäger. Sanitäter waren sofort zur Stelle. Das „Schleifermandl“ von 1986 brach sich unter großem Einsatz den Fuß. Es wird erzählt, dass es trotzdem den Lauf zu Ende ging und die Zuschauer tapfer unterhielt.
Der Ursprung des Perchtenlaufs liegt in Südtirol in den von der Kirche unterstützten Volksspielen des 16. und 17. Jahrhunderts. Protagonisten dieser Spiele waren einerseits die auf eine Dämonenwelt hinweisenden Figuren, andererseits Figuren aus dem Alltagsleben wie Händler, Handwerker, Jäger oder Wilderer. Als ein Erzbischof Mitte des 18. Jahrhunderts einheimische Protestanten zwang, das Gasteinertal zu verlassen, suchte man nach den perfekten Bewohnern, um die Bevölkerung wieder aufzustocken. Diese fand man in Tirolern und Bayern, die streng den katholischen Glauben lebten. So und über den Handel gelangten die Perchten schließlich nach Gastein. Derselbe Erzbischof erließ nur wenige Jahre später ein Auftrittsverbot der Perchten. Aus dieser Zeit stammt auch die Bezeichnung Perchten„lauf“. Denn die Perchten mussten tatsächlich laufen, wenn sie sich dem Verbot widersetzten und dabei drohten, gefangen genommen zu werden. Von 1837 an ging es aber schlagartig bergauf. Ein Auftritt vor Kaiser Ferdinand, den er wohlwollend goutierte, wertete die Tradition auf und spornte zu einem Wettkampf der besten „Kappen“ an.

Die Figuren und Kappen
Alle Figuren und Kappenträger werden in allen Perchtenorten von Männern gestellt, selbst die weiblichen. Larven, so heißen die Masken, und Kappen werden zu einem großen Teil schon seit Jahrzehnten von der Perchtengruppe restauriert, um sie zu erhalten. Andreas Mühlberger, der Hauptmann der Gasteiner Perchten, erzählt stolz, dass „die Kappen zum Teil 100 bis 150 Jahre alt“ sind. Der Verein zählt 140 Mitglieder, die jung wie alt einen großen Respekt vor der Tradition haben und es als Ehre ansehen, den Brauch zu leben. Andreas Mühlberger ist auch verantwortlich für die Vergabe der Posten. Ein schweres Unterfangen, gibt es doch mehr Anwärter als Rollen. In der Gruppe gilt eine strenge Hierarchie – die Älteren haben ein Vorrecht gegenüber den jüngeren Mitgliedern. Kappenträger erkennt man an ihrem aufwendig gestalteten und mitunter bis zu 50 kg wiegenden Kopfschmuck und ihrem Salzburger Anzug. Hinter ihnen folgen die Nachtanzer in Röcken und Miedern. Angeführt wird der Zug vom Hauptmann. Angekündigt von den Schnalzern, die ihren Namen der laut schnalzenden Peitsche zu verdanken haben. Der Vorteufel folgt den Schnalzern. Seine Aufgabe ist es, den Weg für die Perchten frei zu halten. Ihn muss man nicht fürchten, solange man sich ihm nicht in den Weg stellt. Die Reihenfolge der Figuren wird stets eingehalten. Eine zentrale Position nimmt „Frau Perchta“ ein. Domina Perchta weist auf das Gute und Böse im Menschen hin. Als Figur hat sie zwei Gesichter, ein schönes und ein hässliches, im österreichischen Volksmund „schiach“ genannt. Die Schön- und die Schiachperchte als Variante einer Figur tritt häufiger auf. Viele der anderen Figuren, wie Wilderer, Jäger, Reh oder Gams, sind dem Alltagsleben der Menschen entlehnt.

Über das Gute und Böse im Menschen
Die Kostümierungen waren in vergangenen Tagen dazu da, die bedrohliche Geisterwelt zu besänftigen. Horst Wierer schreibt in einem Buch über die Gasteiner Perchten: „Die Menschen zu allen Zeiten glaubten an überirdische Kräfte, die ihr Leben beeinflussen. Sie bauten sich ein Weltbild voller Geister und Dämonen auf, die ihnen Gutes, aber auch Böses wollten und damit ihr Leben prägten.“ In den ältesten schriftlichen Hinweisen werden die Verkleidungen um das Epiphaniasfest am 6. Jänner durchgeführt. Auch heute marschieren die Perchten traditionellerweise an diesem Tag. Das Verkleiden hat seinen Reiz behalten, sind wir doch oft immer noch von Ängsten geplagt, die uns wie Dämonen verfolgen. In Gastein kann man den Perchtenlauf, ausgezeichnet als immaterielles Weltkulturerbe von der UNESCO, alle vier Jahre erleben. Er ist hier in einer seiner ursprünglichsten Formen erhalten und wird als Brauch in erster Linie für die Bewohner gelebt. „Das Brauchtum soll bodenständig bleiben und nie der Kommerz im Vordergrund stehen. Das ist uns neben der Freude am Tun unglaublich wichtig“, so Mühlberger. Wichtig ist ihm auch, dass die Bevölkerung den Unterschied zwischen Perchten und Krampussen kennt. Die Krampusse kommen am 5. Dezember, die Perchten dürfen nur in der Zeit vom 21. Dezember bis zum 6. Jänner in Erscheinung treten. Die Gasteiner Perchten legen dabei 13 km zurück und erweisen bis zu 300 Referenzen pro Tag. Eine Referenz ist eine Ehrenbezeugung, bei der man den Menschen Glück, Gesundheit und Frieden wünscht. Im Jänner 2014 kann man das dämonische Treiben, auf das die Gasteiner sich bereits seit März vorbereitet haben, mit Lust und Schauder verfolgen.

Buchempfehlung
Die Gasteiner Perchten, Ulrike Kammerhofer-Aggermann et al.,
Verlag Franz Hochwarter, 2001.

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