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Wo ist das denn bitte?

Illustrations: Grand Tour Art Department
Und es begab sich zu einer Zeit ... 2008, um genau zu sein. Zwei Jahre hatte Telse Bus, Kunst-Foodistin (ja, gibt es – Stylistin war gestern), zuvor auf mich eingeredet, unbedingt nach Bad Gastein mitzukommen. Bad Gastein? Och nö. Nicht wirklich. Mich lockt Shanghai. Palermo übt einen gewissen Reiz aus. Vielleicht Havanna. Aber Bad Gastein? Wo ist das denn bitte? Kopfkino verheißt hornhautumbrafarbene Windjacken der Rentnergeschwader. Dazu Pensionen, die nach Bohnerwachs stinken, Blümchentapeten und gelackte Kirschholzmöbel aus den 40ern. Ein Ort fürs Wachkoma mit Hansi Hinterseer. Dem verbalen Speerfeuer von Dame Bus, die in Bad Gastein das Kulinarische pimpt, bin ich auf Dauer nicht gewachsen. Für Hund und Herren, so dachte ich, eine Auszeit von Berlin, Wald gibt es da ja genug, dass der an Bergen ist und es non-stop steil nach oben geht ... Nun ja, das Paradies muss man sich halt backen.
Dass Dame Bus frecherweise den letzten Platz für Hunde in dem Flieger vorab gebucht hatte, wurde unterschlagen. Auch an dieser Stelle noch mal: Schönen Dank! Köter bei Freunden geparkt und ab. Salzburg, Limousinen holen die Sommergäste der Festspiele ab, ich krabbele in einen Kombi mit lustigen Freaks, die im Hotel Miramonte irgendwas basteln, das mit Kunst und Ambiente zu tun haben soll. Verstanden habe ich es nicht, ich schaue wehmütig den Nobelkarossen hinterher und fantasiere von Fußbädern in Rosé-Champagner, die den Passagieren vor „Jedermann” in den Suiten gereicht werden. Ich gestehe: Dekadenz amüsiert mich ...
Ankunft Bad Gastein nach 90 Minuten. Und die Kinnlade fällt nach unten. Hier hat der Wahnsinn noch Methode! Mitten im Ort das Kongresszentrum, ein (Vorsicht! Wortwitz!) machtvolles Beispiel für Brutalism, einer Architekturrichtung beginnend in den 50ern, die knatterhart Sichtbeton in Monstergebäude verwandelte, ohne Rücksicht auf das Umfeld. Hört sich übel an, hat aber oft viel Schönes. In Bad Gastein dominiert eben jenes Kongresszentrum die Sisi-Idylle am Ende des Tals. Dass quer durch den Ort als zuckersüßes Bonbon ein 250 Meter langer Wasserfall donnert, ist in der Gesamtkomposition das Tüpfelchen auf dem i, denn eingerahmt ist das Kongresszentrum von Prachtbauten der k.-u.-k.-Zeit. Ganz klar: Bad Gastein ist einer der absurdesten, wenn nicht der absurdeste Ort, den ich je bereist habe. Es ist Punk und Sachertorte. Seit neun Jahren komme ich regelmäßig, habe erlebt, wie aus einer bemühten Kunstinitiative mit sommer.frische.kunst ein Event mit Substanz wurde, wie el Cheffé vom Miramonte, Ike Ikrath, Ferienbungalows à la mode an einen Hang knäult, wie Olaf Krohne mit dem „Das Regina” ein Hotel revitalisiert hat, das Zauber in sich trägt, und dass ich noch immer nicht Haus Hirt, die intime Design-Preziose, ertrage (zu viele Kinder). Aber was mich – neben dem Overkill an Natur – wirklich gefangen nimmt: die Macher, die Magier hinter den Kulissen. Bad Gastein ist das, was das Soho House in Berlin immer versucht zu sein: ein Club für Visionäre, und noch dazu einer, bei dem man sofort Mitglied wird, wenn man ankommt. Jenseits von Attitüde marschieren Kunstkenner und Ortsansässige mit- und nebeneinander durch die offenen Ateliers während des Abschlusswochenendes des Programms. Vier Wochen lang haben Künstler gewerkelt, jetzt stehen sie in ihren Räumen zwischen ihren Arbeiten und genießen Aufmerksamkeit. Keine Frage zu blöd, keine Bemerkung zu schlicht. Bad Gastein, das sind Feier-Tage. Bei denen ich wahlweise mit einem veritablen Kater am Morgen danach auf einer Terrasse mit dem geschätzten Herrn Ikrath über die letzte Architektur Biennale plaudere oder einsame Runden drehe, entlang an leer stehenden Grandhotels, zuweilen den Berg hinauf, aber immer mit dem Gefühl: Das stimmt so. Von welchem Ort können Sie das sagen?

Andreas Tölke, freier Journalist, lebt und arbeitet in Berlin.

Das Hotel Regina ist chices Townhouse und gemütliches Refugium zugleich. Wer Dalmatiner Paul kennenlernen möchte, klickt hier!

 

Das sommer.frische.kunst-Festival mit Art Weekend vom 27.07. - 30.07.2017. Hier geht´s zur sommer.frische.kunst!