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Ausgabe#4

SOMMER 2015

Mal blöd gefragt: Wozu braucht die Welt Filme, die aufrecht stehen?

Was passiert, wenn sich vier Visionäre treffen? – Es brodelt. Prof. Gregor Eichinger, Lehrbeauftragter für Raumgestaltung an der Akademie der Bildenden Künste München, David Baum, Editor-at-Large des Lifestyle-Magazins GQ, Friedrich Liechtenstein, Konzeptkünstler, und der Bad Gasteiner Architekt Ike Ikrath stecken ihre Köpfe zusammen, um für Bad Gastein neue kulturelle Akzente zu setzen.

Der Einstieg ins Gespräch hätte schöner sein können, denn wir treffen – wie es der Teufel will – auf einen wütenden Exil-Gasteiner, der mit seiner Meinung über visionäre Gedanken für Bad Gastein nicht hinter dem Berg hält.

Aufgezeichnet von David Baum / Fotos: Konrad Fersterer
Konrad Fersterer
Vertikale Herrenrunde im Kino: David Baum, Ike Ikrath, Gregor Eichinger und Friedrich Liechtenstein

Baum: Und ausgerechnet heute wollen wir über die nächste Aktion sprechen, die aus Sicht unseres Exil-Gasteiners von eben sicher besonders idiotisch ist: die Vertikale, ein Filmfestival für vertikal gedrehte Filme.

Eichinger: Wie gut, dass es sich um eine wortwörtlich schmale Idee handelt, die passt überall rein.

Liechtenstein: Oder der Mann hat recht, immerhin ist die vertikalste Karte im Tarot der Turm, und der steht für den totalen Niedergang. Aber natürlich kommt danach etwas Neues, Reineres ...

Baum: Friedrichs Lieblingsgeschichte über Bad Gastein ist jene über verwundete Hirsche, die sich in den Quellen gesund gebadet haben, wodurch die Waldmänner die Heilkräfte des Wassers entdeckten. Der Moment der Verletzung gehört insofern zum Gründungsmythos des Ortes.

Liechtenstein: Natürlich, das gehört dazu, aber vor allem das Heilen. Darum geht es. Wegen der Heilung fährt man da hin, und das schon seit geraumer Zeit. Was diesen Ort zudem auszeichnet, ist seine vertikale Anordnung. Man kann Bad Gastein nur vertikal angemessen erzählen. Wer den Wasserfall im Zentrum fotografieren möchte, der kann das nur vertikal, gleiches gilt für die Häuserschluchten. Nachdem ich ja nun schon mein Album in und mit Bad Gastein gemacht habe, war es klar, dass ich ein weiteres Projekt realisieren möchte. Das ist eben ein Festival für vertikale Filmkunst.

Baum: Mal blöd gefragt: Wozu braucht die Welt Filme, die aufrecht stehen? Das gute alte Querformat, nicht zuletzt als Cinemascope, hat sich doch wirklich mehr als bewährt?

Liechtenstein: Da sehen wir es: Das Hochformat wird belächelt, bekämpft. Das vertikale Format gilt als verpönt, im Internet gibt es sogar Spots, in denen die Menschen aufgefordert werden, nicht vertikal zu filmen, obwohl Smartphones das nahelegen. Die Endgeräte filmen ja alle hochkant, und es ist eine schöne Herausforderung, dafür eine Bildsprache zu finden. Warum leckt sich der Hund die Eier? Weil er es kann. Das eint diese Art des Filmens mit Bad Gastein, beide leben unter dem Vorwurf, sich nicht der Norm anzupassen. Deshalb wollen wir das. Auch im Spaß natürlich, weil wir ältere Herren sind ...

Baum: Gibt es in der Filmgeschichte Filme, die nicht im Querformat gedreht wurden?

Ikrath: So abwegig ist es außerdem nicht: Alle Filmplakate sind hochkant, der Abspann ist es auch. Wieso eigentlich nicht der Film selbst?

Eichinger: Die Menschen zieht es zu vertikalen Ereignissen – etwa zu den Alpen oder Manhattan. Die Leute filmen, wie Friedrich richtig sagt, eh längst mit ihren Handys vertikal, es gibt nur keinen Ort, an dem das zur Kunstform erklärt wird. Da wollen wir die Ersten sein.

Liechtenstein: Das wird spannend, denn einerseits kann man die Werke von Laien in einem schönen Umfeld präsentieren, aber ich würde auch gerne bekannte bestehende Filme so anschneiden, dass man nur den Hochkantausschnitt sieht. Das gibt eine ganz neue Perspektive. Das macht richtig Spaß.

Eichinger: Der russische Film hat viele große Werke, die quadratisch gefilmt wurden, etwa „Sehnsucht nach Djamila“. Das waren große Werke. Und ich denke, dass jemand wie Wes Anderson, den wir schon getroffen haben, für eine solche Idee zu begeistern wäre.

Ikrath: Kürzlich war eine bekannte Chefredakteurin aus Berlin bei uns. Sie erzählte, dass auch der Filmemacher Matthew Frost immer nach Bad Gastein fragt und fasziniert davon ist. Ich habe es im Gefühl, dass wir Filmemacher anziehen werden.

Liechtenstein: Menschen sind Hochformat, Paare ebenso, auch gewisse erotische Details sind vertikal.

Eichinger: Das ganze Universum ist hochkant aufgebaut, es geht um Schwerkraft. Der Mensch hat eines Tages beschlossen, aufzustehen. Kultur bedeutet Vertikale.

Liechtenstein: Die Kirche, die Altäre, alles Hochformat.

Eichinger: Das Kirchenfenster ist die Vorform des vertikalen Films.

Liechtenstein: Das ist das Problem von Berlin übrigens, es ist viel zu weitläufig, viel zu horizontal. Es findet zu keinem Höhepunkt.

Ikrath: Ja eben, Bad Gastein ist darin eher wie New York, es hat dieses Hochgewachsene, Urbane.

Baum: Also gut, wir sind alle überzeugt, dass dringend hochkant gefilmt werden muss. Wie sieht dann die Umsetzung aus? Bad Gastein hat meines Wissens kein funktionstüchtiges Kino, schon gar kein hochkantiges.

Ikrath: Wir haben drei Orte besichtigt – eine Kirche, den Pavillon und auch Freiräume. Das Kino müsste man wieder in Schwung bringen. Es ist leicht devastiert.

Liechtenstein: Das Internet ist der erste Schritt, wir brauchen eine Plattform, wo man Filme oder Fotos nur im Hochformat hochladen kann. Da soll dann auch abgestimmt werden.

Baum: Rechnet ihr mit einer Vertikale-Bewegung, die dann nach Bad Gastein strömt?

Ikrath: Wieso nicht? Die Kunst- und Filmhochschulen sind sicher dankbar, wenn es ein neues Forum gibt.

Liechtenstein: Wir müssen auch keine große Bewegung sein. Natürlich ist diese Idee bei dem dritten Glas Wein entstanden, und beim fünften, sechsten waren wir uns erst richtig sicher, wie genial die Idee ist. Es ist auch ein Spaß.

Baum: Um im Kinojargon zu bleiben: Bad Gastein erweist sich immer wieder als Projektionsfläche für Ideen und – sagen wir es – wunderbare Spinnereien. Woher kommt das wohl?

Ikrath: Es ist die größte Sandkiste der Welt. Wer was tun will, der kann es. Wem in
Bad Gastein langweilig ist, der ist selbst langweilig.

Liechtenstein: Es ist nicht alles durchdekliniert, das Marode ist inspirierend und lädt ein, etwas Nagelneues zu schaffen. Ich war kürzlich mit meinen Kindern da und die hatten Freunde dabei, die selbst Filmemacher sind. Die waren sofort völlig begeistert von diesem magischen Ort.

Eichinger: Das Wichtige ist, zu verstehen, dass man nicht mit alten, zugrunde gegangenen Ideen weitermachen darf. Die leeren Flächen schreien förmlich danach, dass man sie neu befüllt.

Ikrath: Zudem ist die Machbarkeit da. Früher musste man mit teuren Kameras hantieren, in der Dunkelkammer stehen ... Das wäre alles nicht möglich gewesen. Jetzt sind wir mit der neuen Technologie in der Lage, das einfach und demokratisch umzusetzen.

Liechtenstein: Aber genau das erfordert Kuratoren. Jemand muss den Leuten beiseitestehen und auswählen, was davon gezeigt werden soll. Da sind wir jetzt. Ach Mensch, Vertikale – wie schön das schon klingt, ein bisschen auch wie die Radikale.

Eichinger: Ja, es hat etwas Revolutionäres! Brüder, wir stehen auf und singen jetzt die Vertikale!

Liechtenstein: Gleichzeitig aber ist es auch traditionell. Man denke an die Gasteiner Schiachperchten mit ihren hohen Masken und Hörnern, eine rein vertikal inszenierte Show.

Baum:Was vielleicht gerade dieses Spannungsfeld von Bad Gastein ausmacht, das Moderne und das Traditionelle, das Urbane und das Alpine.

Ikrath: Absolut. Damit können auch wunderbare Szenen entstehen. Man kann in Bad Gastein eines der großen Hotels auf der einen Seite betreten und es ist so, als wäre man in Monte Carlo vorgefahren – und dann verlässt man es auf der Rückseite und steht im Nationalpark und die Vogerl zwitschern. Das ist unsere wunderbare Ambivalenz.

Liechtenstein: Szenen im wahrsten Sinne, Bad Gastein hat ja auch ganz verschiedene Szenen. Zum Beispiel diese Snowboard-Freestyler, die da in Stockbetten im Casino wohnen, ich nenne sie „die Schiffbrüchigen“.

Ikrath: Oder die „Ski Bums“, die kommen immer schon früher an – schwedische Boys, meist gut vorgebräunt, die als Kellner arbeiten. Und wenn sie genug verdient haben, dann gehen sie auf die Piste, rund um die Uhr.

Liechtenstein: Dann sind da auch noch die Hippies.

Baum: Hippies?

Ikrath: Ja freilich, Freak City. Da herrscht eine völlig alternative Welt, da denkst du, in Goa angekommen zu sein. Da kommt um halb drei Uhr Früh der Schamane vorbei.

Liechtenstein: Und gehst du auf der anderen Seite raus, kommst du zu Damen in Pelzen und Hüten, die in überheizten Räumen Melange trinken. Wunderbar, was der Ort alles hervorbringt und erlaubt. Bald eben auch eine vertikale Filmszene. Um Bad Gastein muss man sich keine Gedanken machen.

Eichinger: Und die großen, wunderbaren Frauen werden wieder kommen, denn nur in einer Vertikalaufnahme trägt man der Frau in ihrer großgewachsenen Eleganz Rechnung. Es wird wunderbar!

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